Definitiv Superlativ!

(superlatus: davongetragen, emporgehoben…)

(Jan Jirat, WoZ, 27.08.2026 – ein Beispiel von unzähligen)

wiegend
wiegender 
am wiegendsten?
Was ist hier eigentlich zu steigern?
Das Wiegen oder dessen Schwere?
Warum nicht deutsch und klar:
Am schwersten wiegt jedoch, …

◼︎ «Einer der ausgewiesensten Nitratexperten in der Schweiz …»
(Tobias Frey, PULS-Tipp Mai 2002)

Ist das nun ein Experte, der mit am meisten Schimpf und Schande ausgewiesen worden war, oder jener, der sich für sein Fachwissen am besten ausweisen kann?

◼︎ «Der vom Bundesrat in einer Nacht- und Nebel-Aktion gefällte Entscheid zur Senkung des Mindestzinssatzes für Altersguthaben von vier auf drei Prozent sei undemokratisch. Schwerwiegender sei jedoch, dass die in den neunziger  Jahren erzielten  Renditen nicht an die Versicherten weitergegeben worden seien.»
(AP-Meldung in der NZZ vom 09.07.2002)

Am schwerstwiegenden ist vielleicht, dass bei Nacht und Nebel nicht mehr klar kommuniziert werden kann. Dabei wäre es so einfach gewesen, fetszustellen, dass die eine Sache schwerer wiegt als eine andere.

◼︎ «Sein weitreichendster Vorschlag besteht in der Entkoppelung der Direktzahlungen von der Produktion.»
(Ht. aus Brüssel in der NZZ vom 09.07.2002 über die Agrarreformpläne von EU-Kommissar Fischler)

Wo es um riesige Beträge geht, mag die Komparation leicht zur Konspiration entgleisen: Wir sind zwar reich, aber andere sind reichender. Am weitesten reichen würde wohl die heutzutage wenig «korrekte» Politik, die nicht Milliarden ersteuert und verteilt, sondern angemessen höheren Produzentenpreisen zum Durchbruch verhilft.

◼︎ «Die Regierungsumbildung ist die tiefgreifendste seit…»
(Nachrichten Radio DRS am 10. 7. 2002 über die Kabinettsumbildung durch den spanischen Ministerpräsidenten Aznar.)

So tief, dass es einen schlicht ergriffenst hat.

◼︎ «… nachdem der in seiner Erscheinung mächtige und mittlerweile bestens belannte Nationalrat Toni Bortoluzzi abgesagt und den Platz unter der gelben SVP-Sonne dem etwas schmalbrüstigeren Kollegen Rutschmann überlassen hat.»
(NZZ vom 07.12.2002)

Dass Rutschmann von seiner Partei als Kandidat für den Regierungsrat nominiert wurde, liegt wohl nicht zuletzt daran, dass er zwar schmal, dafür aber brüstiger ist als Bortoluzzi.

◼︎.und auf (bundesdeutschen) Kanälen immer wieder:
sehr sehr wichtig
sehr sehr sehr schön
sehr sehr schlimm

das ist ganz ganz gewaltig..

◼︎ «… obwohl Rhodos für Ferien selbstverständlich naheliegender wäre als das näher liegende Olten…»
(Lilli Binzegger, NZZ-Folio Juli 2003)

Am nächstenliegendsten wäre es zweifellos, zu sagen, das Ferien in Rhodos näher liegen als im näher gelegenen Olten. Ja, das läge wirklich am nächsten.

◼︎ «Das liegt im Trend: Die Läden in der Schweiz werden immer weniger, dafür immer grösser.»
(bto. in der NZZ vom 25.07.2003)

Die Läden werden weniger? Was im Plural überlesen werden mag, würde im Einzelfall doch Fragen provozieren: Wie bitte wird ein Laden weniger? Es gibt immer weniger Läden, dafür werden sie immer grösser – kürzer lässt sich das richtig nicht sagen.

◼︎ «Deutlich längerfristiger ist der Zeithorizont für die Umgestaltung des restlichen Areals.»
(ark. in der NZZ vom 26.07.2003)

Endlich ein Journalist, der weiss, dass es nicht langfristiger heisst. Aber was kann mehr sein als bloss längerfristig? Längstenfristig, besser: «Deutlich den längsten Zeithorizont sieht man für die Umgestaltung… vor.» Doch das meint ark. nicht. Er wollte einfach das etwas mehr als Langfristige betonen. Etwas mehr? Etwas mehrer. Am längstenfristigsten wird hoffentlich der richtige Komparativ Bestand haben.

◼︎ «Jeden Sommer nehme ich mir vor, nicht nur in den nächsten Ferien mehr Zeit einzusetzen für die fundierten grossen Hintergrundtexte, zulasten des Fastfood. Vorsätze, die leider nicht viel langlebiger sind als die Urlaubsbräune der Haut.»
(Sylvia Egli von Matt, WoZ vom 07.08.2008)

Der Stress des täglichen Medienmache muss schon sehr strub sein, dass sogar eine Journalistin, von der wir uns eine reflektierte Schreibe gewohnt sind, beim Komparieren ins Schleudern gerät. Es würde genügen, wenn die Vorsätze etwas länger hielten.

◼︎ «Gegen die Mission richteten sich allerdings auch sehr viel grundlegendere Zweifel, die auf den Kern der deutschen Aussen- und Sicherheitspolitik zielten.»
(Der Deutschlandkorrespondent in der NZZ vom 25.10.2003 zur Bundestagsdebatte über dein Einsatz deutscher Truppen im Norden Afghanistans)

Endlich mal ein Satzteil, in welchem gleich zwei falsche Steigerungen in enger Nachbarschaft erscheinen. Grundlegend – grundlegender?, gründigerlegend?, mehr Grund legend?, tiefgründiger? Mit grosser Wahrscheinlichkeit wollte der Korrespondent sagen, dass sich gegen die Mission nebst oberflächlichen auch prinzipielle Zweifel richteten. Und wie hätte er das auf Deutsch sagen können? Gegen die Mission richteten sich allerdings auch tiefer gründende Zweifel. Sehr viel tiefer gründende? Viel, mehr, sehr viel? Tiefer gründend im Vergleich zu andern, oberflächlichen, taktischen Zweifeln im Dienst eines andern politischen Ziels – müssen sie da gleich so sehr viel tiefer gründen? Reicht der einfache Komparativ nicht aus, um zu sagen, was überhaupt zu sagen ist?

◼︎ «Die aktuelle russische Geschichtsschreibung weist eine vielfältigere Landschaft vor, von der die Westeuropäer zwangsläufig keine Ahnung haben…»
(Jean-Marie Chauvier, in: Archipel, Nov. 2008; in der Übersetzung aus dem Französischen)

Wie steigern Sie einfältig? Mehrfältig, meistfältig –jedenfalls; was mehr als zwei, drei Ausfaltungen aufweist, darf als vielfältig gelten. Und was soll hier nun noch gesteigert werden? Die Vielheit? Die Faltigkeit? Fältig, fältiger? Viel, vieler? Weist die Landschaft nicht schlicht mehr Ansichten auf, als man sich vorstellen kann? Und warum sagt der das denn nicht so?

◼︎«John Axelrod ist einer der interessantesten und vielseitigsten Dirigenten der Gegenwart.»
(Luigi Heinrich, in «Die Kleine», Graz. 14.08.2012)

Interessanter, am interessantesten: das stimmt. Aber seitig, seitiger? Steigern Sie doch mal viel! Ja: mehr, am meisten. Also ein meistseitiger Dirigent? So ein Schwachsinn. Der Autor setzt implizit voraus, dass es nebst einseitigen auch mehrseitige Dirigenten gibt, und eben vielseitige. Was wäre denn noch mehr als viele Seiten? Meiste Seiten? Aber geh.

◼︎ «Die Geschichte dieser Uhr hätte bei mir zu Hause wohl noch schwerwiegendere und für mich gefährlichere Folgen zeitigen können als auf der Polizeiwache.»
(Ahmet Hamdi Tanpinar, «Das Uhrenstellinstitut», Seite 70, in der deutschen Übersetzung, 2008)

Nein, der Übersetzer Gerhard Meier hat es tatsächlich nicht so geschrieben, sondern «… wohl noch schwerer wiegende und für mich gefährlichere Folgen…». Es sei ihm herzlich verdankt!

◼︎ «Es wäre naheliegender, all diese Beteiligten zu ermahnen, die Website unverzüglich vom Netz zu nehmen.»
(Republik 22.6.2022, Am Gericht)

Richtig und eleganter: Es läge näher,…

◼︎ «Vielversprechender ist die transkranielle Magnetstimulation.»
(Horizonte, Das Schweizer Forschungsmagazin, März 2023)

Kürzer und unholprig: Mehr verspricht die…


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